Sie sind kürzlich in den Ruhestand getreten. Für neuroraum sind Sie seither einer der engagiertesten Dozenten. Es sind 8 Seminare in Deutschland und der Schweiz geplant. Was treibt Sie an?
Der Zufall brachte mich als Neuropsychologe in die ambulante Psychiatrie. Dort konnte ich unter günstigen Bedingungen sehr viel über ADS und ADHS lernen. Ich sehe es als Verpflichtung an, diese Erfahrungen an Psychologinnen und Psychologen weiterzugeben. Sie sind die einzige Berufsgruppe, die die stark gestiegene Nachfrage nach ADHS-Diagnostik befriedigen kann, denn die Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie brauchen die gesicherte Diagnose zum legalen Einsatz von Stimulantien. Aktuell gibt es unglaublich lange Wartezeiten für einen Termin zur AD(H)S-Diagnostik bei Erwachsenen.
Der Hintergrund ist folgender:
Nach vielen Jahren in den Phasen der neurologischen Reha wechselte ich 2013 in die psychiatrische Institutsambulanz. Die PIA in Erlangen ist mit 20 Psychologinnen und Psychologen und 15 Ärztinnen und Ärzten eine der größten in Bayern. Beim Aufbau eines Diagnostik- und Trainingszentrums gab es neue Aufgaben für mich. Ich wusste bis dahin wenig über ADHS und befürchtete, dass es kein neuropsychologisches Steckenpferd mehr geben werde, so wie in den vergangenen Berufsjahren. Zum Glück kam es anders, denn einer der ersten Patienten, den ich mit der TAP (Testbatterie zur Aufmerksamkeits-prüfung) untersuchte, weckte bei mir Neugier und Erstaunen. Er hatte im einfachsten Subtest der TAP schlechtere Werte, als Patienten mit Hirnverletzungen! In komplexen Tests war er dann besser. Es zeigte sich, dass der Patient die Kriterien für ADHS erfüllte. Unter ADHS-Medikation waren dann alle Tests unauffällig. Als mir das Phänomen bei weiteren Fällen mit ADHS begegnete, nahm ich Kontakt mit den ADHS-Ambulanzen in Erlangen und Nürnberg auf, um zu fragen, ob dort die TAP eingesetzt wird. Die Einen hielten die TAP für ungeeignet, die Anderen favorisierten eigene Verfahren. Also begann ich Daten von PIA-Patienten mit und ohne ADHS zu sammeln. Als Kontrolle dienten SHT-Patienten aus der neurologischen Reha, sowie Mitarbeiter, Freunde und Verwandte. Wir konnten die in der ADHS-Forschung seit Jahrzehnten bekannte erhöhte Variabilität der Reaktionszeiten und sogenannte „lapses in attention“ mithilfe der TAP sehr gut nachweisen und die Standarddiagnostik mit objektiven Daten ergänzen. Die Methode ist praktikabel und ökonomisch für Diagnostik und Verlaufskontrollen unter Medikation.
Im Laufe der Jahre konnte ich eine Datenbank mit über 400 Fällen aufbauen und kontinuierlich dazulernen.
Das Thema ADHS ist aktuell in aller Munde. Was ist für Sie persönlich am spannendsten an Ihrem Seminarthema?
Spannend sind die vielen erwachsenen Patienten mit nicht erkannter ADHS, die ich in der PIA kennenlernen durfte. Viele haben sich mit Intelligenz und Kreativität in Alltag, Beruf und Familie durchgeschlagen. Allerdings mit Erschöpfungsdepression, Suchtverhalten, oder sozialen Ängsten. Für diese Menschen ist die Diagnose entlastend und Medikation mit entsprechender Therapie sehr hilfreich.
Ich begegnete immer wieder Patientinnen und Pateinten im Alter der eigenen Töchter. Sie kamen zur Diagnostik, weil sie im Studium und Leben nicht weiterkamen, oder sie scheiterten in Ausbildung und Beruf, trotz hoher Intelligenz. Durch die gesicherte Diagnose erhalten sie Zugang zu Medikamenten und können, psychotherapeutisch begleitet, vieles aufarbeiten und ihren Weg auf ihre Weise fortsetzen.
Schließlich finde ich es faszinierend, dass es für ADHS und ADS Medikamente gibt, die unmittelbar wirksam sind, denn es sind keine psychiatrischen Substanzen, sondern Stimulantien. Die Wirkung ist bereits nach 2 Stunden mit der TAP nachweisbar. Außerdem kann die Wirkung neurobiologisch gut erklärt werden, auch wenn nicht alle Ursachen bekannt sind und eine breite Diskussion herrscht, wie das Spektrum der Störung innerhalb der Neurodiversität einzuordnen ist.
Nun wollen wir noch etwas hinter die Kulissen schauen. Sie wollten ursprünglich im Rahmen ihres Seminars in Basel ein Konzert besuchen. Was hören Sie am liebsten für Musik?
Musik ist für mich lebenswichtig! Von 7 bis 12 Jahren hatte ich Akkordeonunterricht. Mit 13 Jahren wechselte ich zum Schlagzeug. Seither spiele ich als Schlagzeuger in Bands. Seit 20 Jahren singe ich im Chor.
Gerne höre ich melodischen Rock und Pop. Als „Oldie“ fühle ich mich Gruppen verbunden, die vielleicht viele der jüngeren Seminarteilnehmer bei Neuroraum nicht kennen. Beispielsweise Pink Floyd, Genesis, Yes, Deep Purple, oder auch S.T.S., wenn es um gute Texte geht. Die Idee mit einem Konzertbesuch in der Schweiz kam so: Manchmal entdecke ich eine neue Gruppe die mich stark anspricht. Meist höre ich dann über Tage und Wochen Lieder dieser Gruppe. So auch im letzten Winter. Es ist die bisher unbekannte Gruppe „Wintershome“ aus Zermatt. Sie haben noch keine Konzerte in Deutschland gegeben. Die melodischen Songs haben mich so berührt, dass ich den Wusch verspürte ein Konzert zu besuchen. Bisher gibt es nur Konzerte in der Schweiz, aber weder geografisch noch zeitlich in der Nähe des Baseler Seminars. Den Termin für das Seminar konnte ich aber nicht nach dem Tourplan einer unbekannten Folk-Rock-Gruppe richten, sondern er sollte organisatorisch in das Konzept von Neuroraum passen.
Interview: Ulrike Mader

